Partizip I oder Partizip II? | Deutsch lernen B1/B2/C1

Ein beißender Hund oder ein gebissener Hund?

Wie benutzt man die Verbformen Partizip I und  II, wenn sie als Adjektive verwendet werden?  💡

Du lernst jetzt, wie du sie korrekt benutzt,  welche Unterschiede es gibt und vor allem, wie du sie in deinem Sprachgebrauch  sicher und präzise einsetzen kannst. 

1. Das Partizip II

Das Partizip II kennst du vom Perfekt (Ich habe gekocht), vom Plusquamperfekt (Ich hatte gekocht), vom Futur  II (Ich werde gekocht haben) und natürlich  vom Passiv (Die Spaghetti werden gekocht).  

Das heißt, man kann damit zusammengesetzte Zeiten  bilden. Man nennt es auch Partizip Perfekt

Aber was bedeutet es eigentlich?  
gekocht, geschrieben, gemacht, geschnitten, abgefahren.
Was haben diese Partizipien in ihrer Bedeutung gemeinsam?
➡ Alle diese Handlungen sind beendet. Sie sind fertig, abgeschlossen. Und genau das kann man ausdrücken, um ein Nomen zu beschreiben: 

🔹die gekochten Spaghetti = das Kochen ist beendet
🔹der geschriebene Text = das Schreiben ist beendet 
🔹der abgefahrene Zug = der Zug ist abgefahren

Du kannst ein Partizip II ganz einfach als Adjektiv benutzen, wenn du es vor ein Nomen stellst und es wie ein Adjektiv mit der richtigen Endung deklinierst.  

Das funktioniert genau wie bei einem „normalen“ Adjektiv, aber dieses Attribut beschreibt einen beendeten Prozess. Vielleicht fragst du dich jetzt: Kann man jedes Partizip II als Adjektiv benutzen?

Teste es mal selbst: das geschlafene Kind, der gearbeitete Architekt, der geholfene Sanitäter

Das klingt falsch, oder?
💡 Denn: schlafen, arbeiten und helfen sind Verben, die kein Akkusativobjekt haben und deshalb kann man sie nicht nutzen, um ein Nomen zu beschreiben.

🔹 2. Das Partizip I

In den letzten Beispielen kannst du wunderbar das Partizip I nutzen: das schlafende Kind, der arbeitende Architekt und der helfende Sanitäter 

💡 Was ist der Unterschied zum Partizip II?

🔹Ein schlafendes Kind ist ein Kind, das schläft.
🔹Ein arbeitender Architekt ist ein Architekt, der arbeitet.
🔹Ein helfender Sanitäter ist ein Sanitäter, der hilft.

Diese drei Handlungen sind also nicht beendet, so wie es beim Partizip II der Fall ist. Ein Partizip I zeigt an, dass es einen aktiven Prozess gibt, der noch nicht fertig ist. Oder es zeigt an, dass etwas gleichzeitig mit einer anderen Sache passiert. Deshalb nennt man es auch Partizip Präsens.

Z. B.: Das lachende Kind spielt im Garten. ➡ Das Kind lacht und spielt im Garten. Das Kind lacht, während es im Garten spielt. 

🔹 3. Bildung des Partizips I

Man braucht nur den Infinitiv und hängt ein -d daran.  

So wird aus reisen ➡ reisend. Und das kann man dann mit der passenden  Endung als Adjektiv bzw. als Attribut benutzen:

🔹Reisende Studenten trifft man auf der ganzen Welt. 

Aus steigen wird steigend und als Attribut sieht das dann z. B. so aus: 

🔹 Die steigenden Kosten sind für viele Verbraucher ein Problem, steigende Aktien jedoch eine Freude. 

 

⚠ Es gibt eine Sonderform vom Partizip I, das sogenannte Gerundivum und das wird mit „zu“ gebildet:

🔹Die zu streichenden Fenster befinden sich auf der Hinterseite des Gebäudes.  ➡ Das bedeutet, dass die Fenster gestrichen werden müssen.

🔹Sie hat das auszufüllende Formular bereits ausgedruckt. ➡ Sie muss das Formular ausfüllen.

🔹Die Schüler haben heute mit der zu lesenden Lektüre begonnen. ➡ Sie müssen die Lektüre lesen.

🔹Das ist eine nicht zu lösende Aufgabe!  ➡ Man kann sie nicht lösen.

💡Kommt dir das von den Passiv-Ersatzformen vielleicht bekannt vor? Es geht hier um Dinge, die man machen muss, soll oder kann.

Kann man aus jedem Verb ein Partizip I machen und als Adjektiv benutzen? Im Gegensatz zum Partizip II geht das bei den allermeisten Verben. Man muss jedoch aufpassen, dass die Aussagen Sinn ergeben. Schau mal: 

🔹Es gibt einen geschriebenen Text. ➡ Das ist ein Text, der geschrieben wurde bzw. den jemand geschrieben hat.
🔹 Gibt es einen schreibenden Text? ➡ Kann ein Text schreiben? Nimmt er einen Stift in die Hand und schreibt los? Nein, denn nur Menschen können schreiben.

💡Dieser Satz ist also nicht logisch. Es gibt schreibende Studenten, Dozenten oder Menschen allgemein. 

🔹 4. Partizip I oder Partizip II?

Es gibt noch einen weiteren Bedeutungsunterschied zwischen dem Partizip I und dem Partizip II. 

🔹Gekochte Spaghetti sind Spaghetti, die gekocht wurden und jetzt gekocht sind. 
🔹Ein arbeitender Architekt ist ein Architekt, der arbeitet. Er kann nicht gearbeitet werden, nur er selbst kann arbeiten, ganz typisch für Partizip I.

💡 Wenn man die Partizipien in Relativsätze umformuliert, steht der Satz zum Partizip II im Passiv und der zum Partizip I im Aktiv.

⚠ Ausnahmen sind Verben, die das Perfekt mit sein bilden: Bei ihnen ist die Bedeutung aktiv:

🔹Ein abgefahrener Zug ist ein Zug, der abgefahren ist.
🔹Ein abfahrender Zug ist ein Zug, der gerade abfährt.

Jetzt kannst du auch das Beispiel aus der Überschrift erklären, oder? 🐶

🔹Ein beißender Hund ist ein Hund, der beißt. ➡ Aktiv, nicht beendeter Prozess oder Gleichzeitigkeit
🔹Ein gebissener Hund ist ein Hund, der (von einem anderen Hund oder Tier) gebissen wurde. ➡ Passiv, beendeter Prozess

🔹 Partizip I und II als Nomen

Du kannst das Partizip I und II nominalisieren, so wie andere Adjektive auch, und das passiert sehr oft bei Bezeichnungen für Menschen.

💡Wichtig dabei ist: Wenn du Adjektive nominalisierst, werden sie trotzdem wie Adjektive dekliniert, schau dir mal die folgenden Beispiele an:

🔹der/die Angestellte, ein Angestellter, eine Angestellte, im Plural: Angestellte, die Angestellten 

🔹der/die Vorgesetzte, ein Vorgesetzter, eine Vorgesetzte, im Plural: Vorgesetzte, die Vorgesetzten

🔹der/die Studierende, ein Studierender, eine Studierende, im Plural: Studierende, die Studierenden

🔹der/die Reisende, ein Reisender, eine Reisende, im Plural: Reisende, die Reisenden 

Für dich als Deutschlerner sind die nominalisierten Partizipien wirklich eine Herausforderung, weil du dich je nach Artikel oder Artikelwort auf die richtige Deklination konzentrieren musst. Aber mit ein wenig Übung schaffst du natürlich auch das!💪


Bis zum nächsten Mal und weiterhin viel Erfolg beim Deutschlernen. 

Viele Grüße
Deine Deutschlehrerin Julia 👩‍🏫